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Buchreview 16: Lob der Kritik

September 17, 2014

Als Restposten in einem Berliner Trödel-Buchladen ist mir dieses Buch zugelaufen. Die Farbe: Magenta mit rosa Rahmen. Kein Augenschmaus, aber einfach zu finden im Bücherschrank. Der Inhalt hat es dafür in sich: Die ersten Kapitel sind ein Einblick in die philosophische und zugleich gesellschaftliche Entwicklung. Die Entstehung der Demokratie und das kritischen Denkens wird aufgezeigt und verknüpft. Von Locke, Spinoza, Hume, Diderot über Kant, Hegel, Bentham bis hin zu Edison, Spielberg, Heilbrunn und Judith Buddler findet sich alles was irgendwann, irgendwie zur Entwicklung beigetragen hat in dem Buch wieder. Obwohl es angenehm geschrieben ist, und ich einige Vorkenntnisse dazu hatte, war es nicht leicht diese Dichte an Information angemessen verarbeiten zu können. Ein paar Beispiele:

„Hegel konnte allerdings nicht zu der Marxschen Lösung für die Mängel des Kapitalismus gelangen, da er an den Anerkennungswillen des Individuums als Quelle der Freiheit glaubte“ „Denn wer immer solche toleranten Ansichten zulässt, wird am Ende auch Ansichten zulassen, die nicht so tolerant sind.“ „Jede Form von Macht artikuliere sich in Handlung und Sprache, schrieb Foucault, und sie brauche zu ihrer Abstützung eine bestimmte Wissensstruktur.“ „Lernen ist der Prozess, durch den man Mitglied einer bestimmten Gemeinschaft wird“ „In dem Bestreben, die Idee des rationalen Bürgers hochzuhalten, isolierten und versteckten die Zivilbehörden all jene, deren Irrationalität sie als Bedrohung empfanden und deren Unberechenbarkeit die hart erkämpfte Rationalität der sozialen Landschaft störte“

Wie man sieht, lauter Themen über die man mehr als eine Stunde diskutieren und philosophieren könnte. Und das im Stakato-Tempo. Im zweiten Teil des Buches werden dann aktuelle, gesellschaftlich relevante Themen diskutiert und die Entwicklung der Demokratie im allgemeinen in den letzten Jahren betrachtet.Seien es Betrachtungen zu den Risiken der Gentechnologie, die Schäden durch Verschwörungstheorien wie die „Protokolle von Zion“, um Korruption, den Krieg in Afghanistan oder über Armut und nicht ausgelastete Produktionskapazitäten. Auch hier nicht viel was sie ausspart. Schon dieser rundumschlag ist faszinierend. Aber auch hier immer wieder philosophische Einschübe dazu. Auch hier ein paar Beispiele:

„Stabilität im Elend ist besser als gar keine Stabilität, bemerken die Verfasser der Bibel, und weit besser als die Verantwortung für eine Zukunft von der man nicht weiß, wie man sie erreichen soll.“ „Statt uns mit komplexen Fragen wie internationalen Handelsabkommen, der Geschäftspolitik von Großunternehmen, menschlicher Habgier und politischer Korruption zu befassen, suchen wir uns einfachere Dinge, gegen die wir kämpfen können.“ „…sie haben das Vertrauen in die großen Parteien verloren, zumal Staatsämter und Führungspositionen in multinationalen Konzernen zur Drehtür geworden sind.“ „Er bezeichnet die Medien als eine von zahlreichen Massnahmen, um demokratische politische Strukturen eines substanziellen Inhalts zu berauben, dabei aber formal intakt zu halten“ „Zudem unterstützt der Westen politisch und militärisch Monarchen und Diktaturen, die den Reichtum ihres Landes horten, besonders eklatant in Saudi-Arabien und Kasachstan.“

Besonders faszinierend an dem Buch finde ich, dass Pally den Finger oft zielgenau in die Wunde legt. Sie spricht die Probleme in Ägypten, Demokratiedefizite in der Türkei, Instabilitäten im Irak, die Bankenprobleme in Europa, die Gefahr durch zunehmende Überwachung und den zunehmenden Aufstieg der Rechtspopulisten an. So weit so gut. „Könnte ich auch“, mag mancher Leser denken. Der Clou: Das Buch stammt von 2005!!! Sie beschreibt dort ihre Beobachtungen und sie nennt Problemherde und warnt davor, dass es damit in Zukunft Probleme geben würde. Und praktisch alle Punkte sind Treffer. Auch hier wieder ein paar Ausschnitte:

„… um die Installation solcher Überwachungskameras im ganzen Land zu fördern. Die Tatsache, dass die beiden zehnjährigen Mörder gar nicht in Folge ders Videobandes gefasst wurden, sondern weil sie sich vor ihren Freunden mit der Tat brüsteten, spielte keine Rolle.“ „Demographen sagen für die Zukunft größere Katastrophen voraus. In Ägypten, Syrien, Saudi-Arabien, Iran und Irak ist die Hälfte der Bevölkerung unter 25 Jahre alt […] Hier wie in der gesamten Region haben viele junge Menschen kaum Hoffnung auf Arbeit oder politische Veränderungen,[…]“ „Zum gegenwärtigen Zeitpunkt lässt sich noch nicht sagen, inwieweit die türkische Gerechtigkeits- und Aufbruchspartei AKP willens und in der Lage ist, eine gewisse Form der Demokratie und religiöser Toleranz zu erhalten,[…]“ „Vielmehr müsste man dazu neben anderen Wirtschaftspolitischen Maßnahmen das Handels und Steuerrecht auf nationaler und EU-Ebene, die Staatsverschuldung und die Handelsbilanz unter die Lupe nehmen.“

Zuletzt geht Pally die Gegenwart und Zukunft an. Immer wieder im Buch wurde das Thema „individualisierung“ vs. „Gemeinschaft“ angesprochen. Am Ende stellt sie dieses Thema als Hauptproblem der westlichen Gesellschaft dar. Viele fühlen sich durch die Individualisierung die den neoliberalen Kapitalismus begleitet nicht wohl. Man fühlt sich alleine und machtlos. Gleichzeitig sehnt man sich nach einer Gemeinschaft. Teils in der Vergangenheit „früher war alles besser“, teils aber auch durch einen starken Führer. Die wesentliche These ist, dass Autonomie und Einbindung zwei Pole sind, die immer wieder ausbalanciert werden müssen. Aktuell ist in unserer Gesellschaft das Pendel zu sehr zum Individualismus geschwungen und wir tun gut daran, dies wieder auszugleichen, bevor es dadurch zu Verwerfungen kommt. Am Ende wird noch die Notwendigkeit des kritischen Denkens dafür angesprochen. Hier auch nochmal ein paar Zitate:

„Ohne ausreichende Einbindung können aus bestimmten Aspekten der Loslösung, wie Autonomie und Unabhängigkeit, im Übrigen leicht Selbstzweifel werden.“ „Die Angst ist die Begleiterin der Freiheit.“ „[…], weil nur ein Mensch mit gewissen Bindungen wagen kann, auf Distanz zu diesen Einbindungen zu gehen“ „… doch die Geschichte zeigt, dass die Wachsamkeit kritischen Denkens allzu anstrengend für das alltägliche Leben ist. Vertraute Vorurteile bieten immerhin Entlastung von solcher geistigen Anstrengung.“ „Habermas sucht jenseits der Beteiligung am öffentlichen Leben nach sprachlichen Normen, die der Demokratie förderlich sein könnten, insbesondere die Pflich, auf andere zu achten, ihnen zuzuhören, sich dem besseren Argument zu beugen und nach einem Konsens zu streben“

Ich glaube man hört es raus. Ich bin von dem Buch begeistert. Vermutlich das beste Buch was ich bisher gelesen habe. Nicht, dass ich alles darin verstanden habe, aber eine solche Dichte an tiefschürfenden Gedanken, gemischt mit historischen Abrissen und spannenden Verknüpfungen und Überlegungen kannte ich zuvor nicht. Davon nehme ich gerne mehr! — Titel: Lob der Kritik Autor: Marcia Pally Verlag: Berlin Verlag, 2005 ISBN: 3-8333-0137-6

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