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Beispiel 32: B.Z. und eine entstellte Aussage (und etwas Humanismus)

August 20, 2013

In meiner Twitter-Timeline fand sich heute der link zu einem Artikel der B.Z. mit dem Titel „Seit wann passt Religion nicht mehr zu“ (Kreuzberg scheint da weggeschnitten worden zu sein. (note: Ich verlinke übrigens bewusst nicht auf das Springer-Medium. Wer den Artikel lesen will, muss ihn duckduckgoen o.ä.) Als Unterüberschift findet sich folgende Zeile:

Gunnar Schupelius: Kreuzberg verweigert Bürgern die Ehrung, wenn sie in einer Kirche engagiert sind.

nach etwas Piraten und Grüne-Bashing folgt dann am Ende:

„In Artikel 4,2 Grundgesetz heißt es: „Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet“. Friedrichshain-Kreuzberg, so scheint es mir, liegt jetzt etwas außerhalb unserer Verfassung.“

.

Die Aussagen haben ausgereicht mich erstmal stutzig zu machen. Und nachzurecherchieren (Eine Quelle oder ein Link zu dem Beschluss war oh Überraschung natürlich bei diesem Medium nicht gegeben) und hab den Beschluss dann auch recht einfach gefunden. Darin heisst es:

„Änderungsantrag PIRATEN:

Ziffer 1d) streichen „Religion“

Und der relevante Text der übrig bleibt:

„Geehrt wird ein gemeinwohlorientiertes und aktiv gestaltendes ehrenamtliches Engagement, das durch Einsatz und Kreativität Dinge möglich macht, die den Bürgerinnen und Bürgern des Bezirks zugute kommen und eine Bereicherung und Verbesserung für das Leben miteinander in Friedrichshain-Kreuzberg darstellen. Die zu ehrende Person/Gruppe/Initiative soll sich durch ein herausragendes Engagement über einen längeren Zeitraum in Gesellschaftsbereichen wie zum Beispiel Jugend und Familie, Kultur, Soziales, Sport, Umwelt, Entwicklung, Innovation, Wirtschaft und ein friedliches Miteinander verdient gemacht haben.“

Konkret wurde also nur Religion als Beispiel für ein gemeinwohlorientiertes Engagement, daß eine Bereicherung darstellt entfernt. Es spricht nichts dagegen, dass dieses Engagement auch im Rahmen einer religiösen Tätigkeit erfolgen kann und schon gar nicht (wie im Artikel behauptet), dass man als religiöser Mensch keine Bezirksmedaille mehr bekommen dürfe. Lediglich der religiöse Einsatz an sich wird nicht mehr explizit berücksichtigt, sondern es muss eben im Rahmen der zuvor genannten Kriterien erfolgen.

Also wieder mal ein Beispiel für Nicht-Journalismus (Man könnte jetzt leicht auf die Idee kommen, einen Zusammenhang zum Wahlkampf zu vermuten). Was ich nicht verstehe, ist wie man eine solche Meldung unreflektiert weitergeben kann. Schon das fehlen jeglicher Quelle sollte stutzig machen.

.

So aber um nicht nur zu meckern, will ich noch ein wenig meine Weltsicht zur Thematik. Insb. zum Verhältnis Religion, Humanismus und Staat darstellen:

Ich bezeichne mich selbst als humanistischer Agnostiker, der zum Atheisten wird, wenn jemand Religion über Humanismus stellen will. Zunächst mal ist der Glaube per Definition etwas, dass weder beweisbar noch wiederlegbar ist. Daher kann ich nicht wissen ob es etwas ausserhalb der Welt gibt. Wenn es jemand möchte oder es weshalb auch immer hilfreich erscheint dies zu tun, soll soll eins das gerne tun. Problematisch wird es in 2 Fällen:

1) Es werden aus dem Glauben Schlüsse gezogen die prüfbar sind, aber der Prüfung nicht standhalten. Beispiele wären Aussagen die Homosexualität als etwas unnatürliches sehen oder früher Aussagen, dass die Sonne um die Erde kreist, oder dass die Erde erst 6000 Jahre alt sei. etc.

2) Es werden aus dem Glauben Schlüsse gezogen die einem humanistischen Weltbild widersprechen. Sei es die Frage ob Hexen verbrannt werden, Kinder durch Beschneidung verstümmelt oder auch „nur“ der Mann über die Frau gestellt wird in der Schöpfung.

Bei der ersterem ist der Widerspruch zum wissenschaftlich kritisch-rationalem Weltbild. Auch dieses kann keine entgültigen Wahrheiten liefern. Aber es ist im Moment das beste Werkzeug was wir haben. Und der daraus resultierende Wissenszuwachs gibt der Methode recht. Und es ist eine Frage der Wahrscheinlichkeit, dass eine solche Erklärung korrekt ist.

Bei zweiterem ist die Frage worauf man die ethisch-moralische Komponente des Handelns basieren sollte. Auch hier kann man nur auf philosophische Überlegungen zurückgreifen. Ganz ohne Axiome, also Grundannahmen, ist es auch hier schwer. Aber die Würde des Menschen und die daraus resultierenden Werte wie Toleranz und Gewaltfreiheit abzulehnen fällt mir deutlich schwerer, als Werte die aus irgendeinem Buch bzw. einer Überlieferung abgeleitet sind. (Anm.: Ich merke grad beim Schreiben, dass ich in das Thema noch viel weiter eintauchen müsste um es halbwegs rund zu erklären. Leider hab ich grad die Zeit nicht für. Kommt aber vermutlich irgendwann)

Was hat das jetzt mit dem Beispiel von oben zu tun? Abgesehen davon, dass eine gezielte Missinterpretation der Handlung und insb. der Intention dahinter meiner Vorstellung von humanistischem Handeln widerspricht, ergibt sich auch aus dieser Philosophie, den Änderungsantrag der Piraten gut zu finden. Religion aleine ist nichts Gutes. (Auch nicht zwangsweise was schlechtes, weswegen auch der Umkehrschluss (wie er in dem Artikel behauptet wurde) nicht zulässig ist). Die Förderung von Religion verbessert nichts, sondern hat ein Potential Dinge zu verschlechtern (siehe die lange Liste der kriegerischen Konflikte, die durch Religion begründet wurden). Nur wenn durch die Religion auch andere wünschenswerte (insb. auch im Sinne des Humanismus wünschenswerte) Handlungen entstehen (also z.B. eine Unterstüzung von sozial Schwachen, ein Kampf gegen Rassismus, ein Einsatz gegen Grundrechtsabbau, etc.), dann ist es etwas was man als Staat würdigen sollte. Es wird also der Outcome belohnt und nicht die persönliche Motivation. In sofern ist diese Änderung ein Schritt in die richtige Richtung.

 

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From → Beispiel, Medien, Politik

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