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Beispiel 31: Die unpassendste Verwendung des Begriffs „Verschwörungstheorie“

Mai 21, 2013

Vor kurzem bin ich zufällig auf diese Pressemeldung der CDU Sachsen gestossen. Ich zitiere: “

  • „[…] Die Änderung des neuen Wahlgesetzes ist also keine Weltverschwörungstheorie, sondern das Ergebnis des demografischen Wandels“, so Hartmann.

Wenn es einen Preis für die unpassendste Verwendung des Begriffs Verschwörungstheorie (VT) gäbe, dann würde ich hier diesen Eintrag vorschlagen. Nachdem sich die CDU per Twitter leider mal wieder uneinsichtig zeigte, erläutere ich die Probleme die ich mit dieser Aussage habe hier nochmal:

  1. Der Satz ist inhaltlich kaputt: Wäre das Wahlgesetz eine VT, dann hätte nach dieser Aussage die CDU diese VT aufgestellt. Gemeint ist vermutlich „..ist also keine Verschwörung,..“
  2. Der Satz ist noch kaputter: Die Änderung wäre dann eine Verschwörung. (sarkasmus) Haben sich da die Buchstaben der Verschwörung zusammengetan und gemeinsam was ausgeheckt? (/sarkasmus). Gemeint ist vermutlich: „…ist durch keine Verschwörung zustande gekommen,..“
  3. Und der Satz ist immer noch kaputt: Wie soll eine Änderung von Wahlkreisen das Ergebnis des demografischen Wandel sein? (sarkasmus) Hat sich da der demografische Wandel hingesetzt und das Gesetz geschrieben?“ (/sarkasmus) gemeint ist „wurde von der Regierung aufgrund des demografischen Wandels vorgenommen“

Also nochmal meine Version der Aussage (die zumindest formell korrekt wäre):

  • Die Änderung des neuen Wahlgesetzes ist durch keine Verschwörung zustande gekommen, sondern wurde von der Regierung aufgrund des demografischen Wandels vorgenommen

Auf den ersten Blick mag diese Änderung als Wortklauberei ala „man weiss doch was gemeint war“ erscheinen. Für mich ist der Unterschied jedoch sehr bedeutsam und es ergeben sich daraus jedoch eine Reihe von Implikationen:

  • In meiner Version wird deutlich, dass die Änderungen von der Regierung vorgenommen wurden (und nicht magisch entstanden sind). Die Notwendigkeit einer Änderung wird auch (durch den demografischen Wandel) verargumentiert. Es wird jedoch der (implizite) Vorwurf, dass man die Wahlkreise auch sinnvoller zuschneiden hätte können dadurch in keiner Form entkräftet. (Also mal wieder eine Strohmann-Argumentation)
  • In beiden Versionen taucht der Begriff „Verschwörung“ auf. Abgesehen davon, dass mir die inflationäre Verwendung des Begriffs nicht gefällt, ist die Frage wer diesen Vorwurf erhoben hat? (denn sonst müsste man ja nicht verargumentieren, dass es keine Verschwörung ist) – Der Regierung wird von der Opposition vorgeworfen einen gezielt für die eigene Mehrheit günstigen Wahlkreiszuschnitt zu wählen. Fachbegriff dafür ist Gerrymandering und es ist nichts ungewöhnliches. Um das zu tun braucht es aber keine Verschwörung. – Im Gegenteil. Die Handlung ist ja offen sichtbar, das Element der Täuschung entfällt also.
  • Im ursprünglichen Text taucht der Begriff VT auf. (Um es genau zu nehmen sogar WELTverschwörungstheorie. Angesichts dessen, dass es sich bei dem Vorwurf nur um einen lokalen Sachverhalt handelt, frag ich mich schon wieso Herr Hermann diese Übertreibung eingebaut hat). Der Begriff VT ist in der Regel anders als der wissenschaftliche „Theorie“-begriff sehr negativ konotiert und wird normalerweise gedanklich mit etwas in Richtung „absurde unwahre Behauptung einer Verschwörung“ übersetzt. Zu diesem Begriff lohnt es sich die Artikel der GWUP zu VTs und wie man VTs erkennt durchzulesen. Mit Ausnahme des Punktes „Macht als Ziel“, ist bei diesem Vorwurf kein Aspekt von klassischen VTs vorhanden. Der Begriff passt also nicht in diesem Kontext.

Ob der neue Zuschnitt absichtlich, unbewusst* oder durch rationale Überlegungen so entstanden ist, dass er einen Vorteil für die Regierung hat, kann ich nicht beurteilen. Jedoch ist das Ergebnis offenbar eine Situation, die für die Regierung von Vorteil ist und die rationalen Gründe für genau diese Aufteilung sind scheinbar nicht komplett nachvollziehbar. In sofern muss der Vorwurf der Opposition nicht notwendigerweise korrekt sein, aber die Kritik als solche ist auf jeden Fall berechtigt. Mit eine Weltverschwörungstheorie hat dies nichts zu tun.

Aus der Tatsache, dass dieser Begriff in einem Kontext verwendet wurde, in dem er nicht passte, würde ich sogar unterstellen, dass dieser Begriff mutwillig verwendet wurde, um dadurch die berechtigte Kritik zu delegitimieren. Es handelt sich dabei also um eine politische Argumentationsstrategie. Den Begriff Verschwörungstheorie in einem falschen Kontext zu verwenden hat ein wenig was von der Fallacy-Fallacy. Auf jeden Fall spricht es nicht gerade für denjenigen der dies tut.

* Ich habe hier ganz bewusst eine Dreiteilung gewählt. Nicht alle Handlungen die für einen selbst positiv sind und anderen schaden werden absichtlich und mutwillig durchgeführt. Oftmals erfolgt dies auch unbewusst. D.h. man ist im Glauben tatsächlich rational und objektiv zu handeln. In Wahrheit versteckt aber unser Gehirn die egoistischen Handlungsweisen um ein positives Selbstbild aufrecht zu erhalten.

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From → Beispiel, Politik

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