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Aufgabe 10: Argumentationscheck: Ist es Rassismus oder nicht?

Dezember 17, 2012

Die heutige Aufgabe ist mal etwas unangenehmer. Denn der ein oder andere wird sich von vorgefertigten Denkmustern verabschieden müssen, wenn er die Aufgabe richtig lösen will. Ich muss gestehen, dass ich bei einigen problematischen Argumentationen spontan in ein „eigentlich die Aussage ja gar nicht so verkehrt“ komme. Viele Punkte der Aussagen habe ich aus der Keinzelfall Veranstaltung in Nürnberg letztes Wochenende mitgenommen.

Aufgabe: Welche der folgenden Aussagen haben einen rassistischen/antisemitischen Anteil? (man könnte auch sagen „sind rassistisch“)*

  1. Der Jude an sich ist ein friedlicher und zurückhaltender Mensch!
  2. Angesichts der aktuellen Geschehnisse, muss es auch erlaubt sein Israel zu kritisieren
  3. Die Islamisierung Deutschlands nimmt zu. Es steht mir aber nicht zu, zu bewerten ob dies gut oder schlecht ist
  4. Es ist schlecht, dass die Bundeskanzlerin Israel nicht stärker kritisiert
  5. Es ist ein Fakt, dass im amerikanischen Kongress überproportional viele Juden sind
  6. Es ist nur dann in Ordnung Menschen mit dunkler Hautfarbe bevorzugt von der Polizei zu überprüfen, wenn es statistisch erwiesen ist, dass bei der Untersuchung dieser Gruppe mehr Straftäter gefunden werden
  7. Es wäre gut gewesen, wenn Marina Weißband zu der Bombardierung des Gaza Stellung bezogen hätte!
  8. Das Verhalten von Israel gegenüber Palästina über die Jahre hinweg, lässt ein Muster erkennen, dass man als „geplanten Genozit“ bezeichnen kann.
  9. Es ist wichtig, dafür zu sorgen, dass Ausländer in Deutschland verstärkt die Möglichkeit haben, ihre nationale Identität beizubehalten
  10. Wir wollten eine offene Diskussionsrunde um friedliche Lösungen für den Gaza-Konflikt zu suchen. Dazu haben wir Palästinenser sowie Mitglieder der jüdischen Gemeinde eingeladen. Von der Gemeinde ist jedoch leider niemand gekommen und es gab noch nicht mal eine Entschuldigung.

Nun? Hier die Antwort:

Alle!

Wem das klar ist, der braucht nicht weiterlesen. Für alle anderen hier ein paar Erklärungen:

  1. „der Jude an sich“ – siehe Link. Dass es sich bei der Aussage oben um eine halbwegs Positive handelt, verschleiert das Ganze etwas, aber das Grundprinzip der Kategorisierung bleibt gleich
  2. Dies ist einer der häufigsten und für mich persönlich der schwierigste der Punkte. Der entscheidende Punkt ist nicht, die Kritik an sich. Wenn diese angemessen und verhältnismäßig ist, darf man sie natürlich vorbringen. Das Problem ist, dass diese Redewendung i.d.R. mit einer (manchmal unbewussten) Doppelmoral einhergeht: Israel wird dafür kritisiert, andere Länder nicht (im selben Maße). Nur mal so ein Beispiel: Haben die Kritiker die gleichen Ausdrücke und die gleiche Kritik auch beim Kongo-Konflikt vorgebracht? – Nur zur Sicherheit: Ich halte jeden Krieg für falsch und kritikwürdig. Aber es ist schon auffallend, dass ich mich nicht erinnern kann die Aussage „…muss es auch erlaubt sein die Palistinänser zu kritisieren“ irgendwo mal gelesen habe….
  3. Schon der Ausdruck „Islamisierung“ ist problematisch. Das kann man sich leicht bewusst machen, wenn man sich fragt, wie oft man „Christianisierung“ als Begriff gehört hat… für näheres reicht es bei Wikipedia nachzulesen
  4. Eine Spielart von 2. – Sie hat Israel übrigens kritisiert, aber eben relativ vorsichtig und angemessen. Wenn man mehr verlangt, dann stellt sich schon die Frage warum. (Insb. wenn man vergleicht, wie moderat die Kritik gegenüber z.B. Russland und China in einigen Fällen ausfällt…)
  5. Hier ist der Trick eine Kombination aus selektiver Informationsauswahl, Kontextualisierung und Implikation. Man könnte auch sagen: „Es gibt überproportional viele Männer…“ oder „Es gibt überproportional viele Weisse…“ oder „In England gibt es überproportional viele Christen…“. D.h. es wird ganz bewusst eine Information ausgewählt, die dann in einen entsprechenden Kontext gestellt wird. (In diesem Fall überraschend eine Israel/Judenkritik). Und es geht eben noch weiter, dass aus dieser Information etwas impliziert wird (oder manchmal sogar direkt angesprochen) was in Richtung einer Verschwörung geht.
  6. Abgesehen davon, dass der „wenn“-Teil der Aussage so nicht haltbar ist und ohnehin mehreren Fehlern unterliegen würde (z.B. dass man, wenn man mehr Leute mit grünen Augen überprüft als solche mit braunen Augen, es auch wahrscheinlicher ist, bei Grünäugigen etwas zu finden), ist auch der Kern der Aussage sehr problematisch. Es wird ein völlig irrelevantes Merkmal hergenommen um alle die dieses Merkmal haben in eine Schublade zu stecken. Und genau das ist der Kern von Rassismus. Siehe auch dazu wiederum Wikipedia.
  7. Lassen wir sie da in einer sehr genialen Aussage selbst antworten: https://twitter.com/Afelia/status/260019570348265472 – Viel besser könnte man es nicht formulieren. Falls es nicht klar ist: Hier wird Religion und Staat völlig unnötigerweise vermischt und eine Forderung abgeleitet, die einfach nur panne ist. (siehe auch 10.)
  8. Hier zitiere ich vom Keinzelfall Wochenende: „Wenn das ein geplanter Genozit ist, dann ist es der am schlechtesten ausgeführte Genozit der Menschheitsgeschichte!“ – Oder mit anderen Worten: Der Vorwurf des Genozits ist einfach eine extrem krasse Übertreibung. Insbesondere wenn er dann auch noch in der KZ-Variante auftaucht, dann werden dadurch umgekehrt wirkliche Genozit-Versuche relativiert, was erst recht bedenklich ist.
  9. Mal davon abgesehen, dass der Begriff „nationale Identität“ historisch nicht gerade unbelasstet ist, wäre auch ein anderer Begriff in diesem Kontext daneben. Was letztentlich hier mit hübschen Worten gefordert wird ist eine Ausgrenzung von Migranten. Das Gemeine ist, dass es nicht direkt drin steht und durch so Worte wie „dürfen“ kaschiert wird. Aber wenn man sich mal die Implikationen durchdenkt, läuft es z.B. auf ein „Spanier sollen Spanier bleiben und nicht (auch) zu Deutschen werden!“ hinaus.
  10. Auch hier wieder ein Punkt wo wie mehrfach mit einer falschen Erwartungshaltung hantiert wird. Warum sollte zu diesem Termin jemand kommen? Wäre es auch die Pflicht eines bayrischen Provinzpfarrers zu einer Diskussionsrunde über den IRA-Konflikt zu sprechen? Abgesehen davon, dass hier schon wieder Religion mit Staat verwechselt wird, hat die Gemeinde hier keinen Einfluss auf die aktuelle Situation im Gaza. Jemand zu bitten an einem solchen Gespräch teilzunehmen: Ok. Aber es zu ERWARTEN? Nope. Auch hier wieder die Doppelmoral.

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Wer eine etwas satirische Aufbereitung des selben Themas will, dem sei folgender TAZ-Artikel ans Herz gelegt:

http://www.taz.de/!107442/

Zuletzt noch eine Bitte an all diejenigen die Versuchen den Rassismus zu bekämpfen und entsprechende Mechanismen aufzudecken: Bitte seid auch Angemessen in eurer Reaktion auf rassistisches Verhalten. Wie ich von mir selbst sagen kann, liegt nicht jedem rassistische Statement oder Verhalten eine rassistische Intention zu Grunde. Oftmals ist es einfach nur Naivität, Unwissen oder ein fehlendes Bewusstsein. Daher ist es wichtig zunächst nur die Handlung und nicht den Menschen zu kritisieren (den sonst wird auch keine Bereitschaft existieren, die Kritik anzunehmen). Erst bei fehlender Einsicht oder offensichtlichen Widerholungen sollte man auf Absicht und damit rassistisch motiviertes Verhalten schliessen.

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* Ich tendiere dazu solche Vorwürfe eher zu schwach als zu stark auszudrücken. Dies ist mit Sicherheit nicht immer das Richtige. In diesem Fall habe ich es bewusst stehen lassen, da die schwächere Version weniger angreiffend ist und daher auch eher akzeptiert werden kann.

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2 Kommentare
  1. Vielen Dank für diesen erhellenden Beitrag. Nachdem ich die ersten drei Punkte gelesen hatte, kam mir der Gedanke, dass letztlich alle „rassistischen“ oder „antisemitischen“ Inhalt haben. Nur ist er bei einigen der Aussagen (in meinen Augen) latenter bzw. bei einigen Aussagen schwerer genau zu benennen.

    Viele Grüße,
    Roma

  2. Gerne doch:-) Danke fürs lesen!

    Stimme dir da zu. Je mehr das Problem im Kontext (z.B. Selektion/Doppelstandards) liegt, und weniger in der Aussage selbst, desto schwieriger wird es das Problem zu sehen. Die Keinzelfall Veranstalltung war für mich auch sehr erhellend.

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